Den Platz finden in einer 12-köpfigen Crew von unbekannten

Einschulung und On-boarding auf einer Rennyacht

Wir machten uns als 12-köpfige Mannschaft auf, um den Atlantik zu überqueren und ich kannte niemanden von der Crew im Vorhinein. Ich war auch mit dem Schiff nicht vertraut und hatte auch noch an keinem Rennen teilgenommen, geschweige denn hatte ich den Atlantik überquert. Umgelegt auf das professionelle Leben könnte man sagen, ich habe einen ziemlich großen Jobwechsel angetreten, mit mehreren Entwicklungsarealen und in einer vollkommen neuen Firma. Auf dem Rennsegler konnte ich daher sehr gut beobachten, wie es mir als Rookie erging, was mir half und wie meine Entwicklung voranschritt. Die wichtigesten Erlebnisse habe ich hier zusammengefasst.

Erste Einschulung – Maximal reduziert!

Eine Volvo65 ist ein komplex gebauter Racer. Und Rennboote haben generell mit herkömmlichen Cruisern nur wenig gemeinsam. Wie schult man also Hobby-Skipper die es gewohnt sind gemütlich mit Segelyachten herumzuschippern möglichst schnell als Renn-Crew? – Gar nicht! Unser erstes Briefing an Bord dauerte ca. 1 Stunde und am einzigen Übungstag vor dem Rennstart machten wir die wichtigsten Mannöver und Abläufe jeweils ein, vielleicht auch zweimal durch. Damit war das Boot klar zum Auslaufen, wir hatten erste Instruktionen und alles weitere Lernen erfolgte dann direkt bei der Arbeit.

4er Wache: Steuermann, Schoter und Grinder

Erste Hauptaufgabe – Kurbeln und Lernen!

Am Grinder zupacken kann jeder und trotzdem war rasch klar: auch hier gab es Technik zu erlernen. Zuerst wie man seine Kraft richtig einsetzte und dann wie man seine Kurbel mit der korrekten Winsch verband, oder sogar zu sechst zusammen arbeitete. Von der Profi-Crew folgten gut dosiert Erklärungen, weitere Details wurden hinzugefügt und unter ruhigen und kontrollierten Bedingungen ging es dann weiter mit Ausbildung und Übung. Ein Rennboot zu steuern ist eine Aufgabe die Konzentration und wiederum Übung, Übung, Übung erfordert. Um diese Fertigkeit zu erlernen, mussten wir uns also Schritt für Schritt unter Anleitung heran tasten. Fehler und Korrekturen inbegriffen!

Volle Konzentration am Steuerrad

Wissen weckt Begehrlichkeiten – doch wie umgehen mit Mitbestimmung?

Wenn man nur gezeigt bekommen hatte wie man die Grinder bedient, dann konnte man – klar – nur grinden (also kurbeln). Sobald aber mehr Übung im Spiel war, wollte man natürlich auch der neu gewonnenen Qualifikation entsprechend mitarbeiten und mitreden. Aber geht das? Wie weit geht die Möglichkeit zur Mitbestimmung mitten auf dem Atlanik?

Dies ist natürlich ein heikles Thema für einen Skipper, einerseits möchte man sich kooperativ im Führungsstil zeigen, andererseits braucht man in heiklen Situationen keinen Debattierclub, sondern eine Crew die anpackt. Die Lösung ist also situatives Führen:

Wann brauche ich Entscheidung von oben, wann diverse Meinungen?

Ein kleiner, gedanklicher Exkurs, der nichts mit unserem Boot zu tun hat: Fehlt die Möglichkeit zur Mitbestimmung, dann verliert man in der Regel auch das Interesse mitzugestalten. Und das ist weder gut noch schlecht, aber man muss sich als Führungskraft dessen bewusst sein. Es braucht zum Beispiel für das Bewegen einer Winsch keinen kreativen Gruppenprozess. Es gibt ohnehin nur kurbeln oder nicht kurbeln. Als Führungskraft muss ich aber auch wissen, dass Empowerment dann nicht so einfach abrufbar ist. Wenn eine Crew auf “top-down” eingestellt ist, dann wird sie Aufträge ausführen, aber eben nicht mitsprechen. Wahrscheinlich auch nicht widersprechen. Dessen muss man sich als Führungskraft bewusst sein. Die Entscheidung was gebraucht wird sollte möglichst bewußt und nicht durch Zufall erfolgen.

Reflexion zum Onboarding

Es war super spannend wieder in der Rolle des Anfängers zu sein. Ich meine, es hat mir gut getan und geholfen die Bedürfnisse von neuen MitarbeiterInnen oder Menschen in neuen Rollen oder Funktionen besser abzuschätzen. Das Prinzipt des sanften Starts, der geduldigen Anleitung und des Wachsens mit der Aufgabe habe ich für meine Arbeit zu Hause verinnerlicht und mitgenommen.

Manöver als Team: Bergung eines ca. 300 qm großen Vorsegels
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