Anpassungsfähigkeit: Die ersten großen Herausforderungen!

Beitrag #3: Worauf ich mich vorbereitet hatte und was dann wirklich zum Problem wurde.

Eine der häufigsten Fragen bevor ich losfuhr war rund um meine Vorbereitungen und meine Erwartungen. “Was glaubst Du wird Deine größte Schwierigkeit sein?”, wurde ich oft gefragt.

Ehrlich, keine Ahnung. Noch nie war ich über den Atlantik gesegelt, schon gar nicht auf einem Rennboot und niemals zuvor hatte ich an einer so großen Regatta teilgenommen. Mich ins Unbekannte zu begeben war Teil der Herausforderung und Mittel zum Zweck mich aus meiner Komfortzone zu zwingen.

Worauf ich mich also einstellte?- Basierend auf meiner limitierten Vorerfahrung: Kälte in der Nacht, Nässe an Deck, Feuchtigkeit überall, Schlafentzug, unglückliche Teamdynamik….darauf hatte ich mich vorbereitet. Was kam, war aber größtenteils ganz anders!

Seekrankheit, ich hätte es wissen müssen!

Der Start verlief spannend, dynamisch, packend und war viel zu schnell vorbei. Wir waren so mit Maneuvern beschäftigt, dass alles wie im Flug vorbei zog. Wir passierten Puerto Calero, winkten noch einem Kameraboot zu und dann waren wir auf und davon. Am Südkap von Lanzerote trafen wir noch einen Kat, der wegen technischer Schwierigkeiten umgekehrt war.

Da segelten wir also, weit hinaus sprichwörtlich ins Blaue hinein. Ein paar Fragen drängten sich dann doch auf: Wie wird die Wacheinteilung funktionieren? Wie lange werden sich 10-12 Seetage anfühlen? Welche Pannen liegen vor uns?

Schnell ließ ich solche Gedanken wieder ziehen. Bringt ja nichts jetzt zu grübeln. Weder kann man etwas ändern, noch gibt es ein Zurück. Was sich aber nach und nach nicht mehr so leicht zur Seite schieben ließ, war ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Die steilen sich kreuzenden Wellen, gemeinsam mit wenig Wind in der Lee-Abedeckung der Insel sorgten für jede Menge unangenehme Stampf- und Schaukelbewegungen. Die Fahrt durchs Wasser war teilweise sehr gering. Wir schaukelten also vor uns hin, mit kaum oder sogar gar keinem Wind in den Segeln. “Kein Problem”, dachte ich mir, “damit kann ich wohl locker umgehen.” Schnell also unter Deck gekrochen, um ein paar trockene Kekse aus der “Snack-Box” zu holen. Essen ist wichtiger Baustein im Kampf gegen Seekrankheit. An Deck, gemeinsam mit Ausblick und frischer Luft war somit wieder alles in bester Ordnung. Aber wie würde es nach meiner ersten Wache unter Deck aussehen?

Beschleunigungs- und Verzögerungskräfte: 24/7 auf und ab, links und rechts!

Die VO65 “Sisi” wurde vollkommen aus Carbonfaser gefertigt. So wurde Widerstandsfähigkeit erreicht und Gewicht gespart. Auf 65 Fuss Länge (ca. 20 Meter) wiegt sie gerade einmal 10 Tonnen – und damit auf die Größe gerechnet nichts. Mit dem 4 Meter unter dem Rumpf angebrachten Kiel wird zu Rennzwecken so viel wie möglich Segelfläche gesetzt. Und das machten wir natürlich: Sisi glich damit mehr einem Surfbrett, als einem Segler. Jede kleine Welle und jeder Windstoß veränderte die Bootslage. Die Rudergänger waren ständig damit beschäftigt rasch auf Wind und Welle zu reagieren. Die Steuerung wirkte sehr direkt und so spürte man förmlich jeden Wechsel der Ruderlage. An Deck hatte ich diese Dynamik noch gar nicht so sehr bemerkt. Aber unter Deck war die Wirkung der Kräfte umso stärker spürbar.

Ohne Lichteinfall von außen, in einem schwarzen Rumpf der ständig hin und her gerissen wurde fand ich mich in einer völlig neuen Situation wieder. Das Wasser rauschte, jede Welle trommelte wie ein Paukenschlag gegen die Bordwand. Schritte an Deck, die Bedienung der Winschen, Wasser das rauschte, alles hörte man eins zu eins. Es fühlte sich an wie in einer Achterbahn, ohne Fenster und vor allem ohne Ende.

Rasch aus der Kleidung, Essen runterwürgen und ab in die Koje war mein Plan. Davor nahm ich noch ein Medikament gegen Seekrankheit und nun hoffte ich auf etwas Schlaf. Meine Taktik ging auf, nach rund 4 Stunden wurde ich wieder wach. Im Liegen war die Seekrankheit soweit im Griff. Der Schlaf hatte Erholung gebracht. Ich hörte Stimmen an Deck, die Geräusche des Bootes waren weiterhin sehr ungewohnt und ich konnte aus ihnen nicht deuten ob alles in Ordnung war – oder ob die Wachmannschaft vielleicht gerade mit einem Problem zu kämpfen hatte.

OK, raus aus den Federn, rein ins Ölzeug. Voll motiviert kletterte ich nach vorne. Schritt für Schritt, bedacht nicht gegen irgend einen Gegenstand geschleudert zu werden. Augen immer gerade aus, wenn Seekrankeheit kommt, kurze Pause, tiefer Atemzug, weiter.

So gelang es mir mein Gewand sicher zu erreichen, mich anzuziehen und sogar meine Rettungsweste überzustreifen. Bei den Stiefeln war Schluss. Durch den Blick hinunter spielte mein Gleichgewichtsorgan verrückt. Heftige Übelkeit übermannte mich, ich musste raus hier!

Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es an die Heckreling und da flog das mühsam einverleibte Abendessen. “Alles OK?”, tönte es vom Skipper. “Jetzt wieder”, machte ich mir Mut und trat meine Wache an.

Nach der Wache: ab in das dunkle Innere!

Gefriergetrocknetes Essen: man muss sich zwingen!

Spagetthi Bolognese, Asia Noodles mit Gemüse, Chicken Tika mit Curry – klingt doch gar nicht so schlecht. Die Erfahrung mit den Paketen mit gefriergetrocknetem Inhalt war immer die gleiche: spannender Titel, aufgerissen, Wasser drauf, dann hinein geschaut: Eine amorphe Masse aus entweder rotem oder gelbem Gatsch mit Stückchen.

Beim Geschmack dasselbe Erlebnis. Man steckt den ersten Löffel in den Mund, denkt sich: “gar nicht so schlecht”, aber nach dem dritten oder vierten Löffel reicht der fade Einheitsbrei dann auch schon wieder. Und versteh’ mich nicht falsch: ich hatte bei Gott kein Gourmet-Essen erwartet. Aber nach spätestens dem halben Paket hatte man eigentlich genug von der Pampe.

Aber, das Zeug musste rein. 800 Kalorien pro Packung sorgten für die notwendige Energie um hier kräftig mit anpacken zu können. Nicht zu essen war also keine Option.

Vor allem über die Dauer der Reise wurde das Essen immer mehr zur Herausforderung. Äpfel, Karotten und Orangen gingen zur Neige und immer nur trockene Kekse und Thunfisch in Dosen war nun auch keine echte Alternative. Unter diesen Umständen mutierte das Müsli mit Trockenpulver-Milch zum wahren Highlight.

Das erste Mal am Steuerrad: Anfängerfehler Sonnenschuss

Seit ich 14 bin habe ich einen Segelschein, seit 8 Jahren besitzen wir unser eigenes Boot. Kann ich ein Schiff der Größe von Sisi steuern? – Blöde Frage: “Klar!”, dachte ich.

Nun, hier die Geschichte: Mir wurde angeboten vorerst einmal unter ruhigen Bedingungen das Steuer zu übernehmen. Gleich der erste Windstoß brachte das Boot massiv zum Krängen und nachdem mein Rudereinschlag bei weitem nicht ausreichte um auf Kurs zu bleiben, war die Crew bald damit beschäftigt die Schoten zu lösen. Wir waren unhaltbar in den Wind aufgeschossen. Als Folge des Sonnenschusses purzelte ich vom Sockel des Rudergängers und war um eine große Erfahrung reicher. Rennyachten zu steuern war eine komplett andere Sache, als einen Cruiser zu lenken. Wieder gelernt: viele Dinge sind eben nicht so wie sie auf’s Erste scheinen.

Reflexion und meine Strategien:

Bei aller Vorbereitung, bei allem Antizipieren und auch bei aller Vorerfahrung: Dinge kommen nun einmal anders als man denkt.

In dieser neuen Umgebung griffen meine bisherigen Strategien und Verhaltensweisen aber nicht, oder nicht ausreichend. Was also tun?

Ich war gezwungen und habe dies in den ersten drei Tagen zum Exzess zelebriert mich auf gut selektierte, unbedingt notwendige Aufgaben zu konzentrieren. Manchmal musste ich einen ganzen Tag dafür aufwenden, um nur ein Ziel zu erreichen, und es mag lächerlich klingen, dabei ging es simpel um Zähne putzen oder neue Kleidung anziehen. Mehr war unter diesen ungewohnten Bedingungen einfach nicht drinnen.

Aber was für ein großartiger Moment war das, als ich im Dunkeln vor meiner Bank kauerte, nach meiner Zahbürste im Rucksack wühlte und mir dachte: ” Fokus auf nur ein Ding, auf das was jetzt unbedingt notwendig ist und was mich hier der Normalität wieder einen kleinen Schritt näher bringt: Zähneputzen.”

Mein zweites Learning in dieser so unbekannten Situation war es bewußt wieder die Anfängersicht einzunehmen. Geduldig und naiv zuzuhören, zuzuschauen, aufzunehmen und bewusst zu verarbeiten. Bevor ich mir nicht sicher war, welcher Schritt ein guter und wichtiger war, machte ich ihn nicht, sondern hielt inne.

Sich bewusst auf kleine Schritte zu konzentrieren, jeden kleinen Erfolg innerlich zu feiern und erst nach reiflicher Überlegung den nächsten Schritt zu wagen war eine große Erleichterung.

Ob und wie meine Gedanken auf Situationen im Business übertragbar sind muss jeder für sich selbst prüfen. Ich habe aber das Vertrauen gewonnen, dass ich in herausfordernden Situationen einfach einen kleinen Schritt nach dem anderen machen kann und somit zu den Erfolgen komme, die wirklich zählen. Zumindest für diesen einen Tag.

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